Gedichte von Marianne Rein

Kindheit

Der Himmel schien noch nicht so hoch,
doch von viel schöneren Blau.
Dahinter wohnte der liebe Gott,
weißbärtig, mit buschiger Brau'.

Die Welt war gross, doch gar nicht fern.
Sie lag vor unserem Schuh.
Die Treppe hinunter, zu Türe hinaus
schon lief sie auf uns zu.

Das Abenteuer versteckt sie sich nicht.
Bund lockte es; aus jedem Stein,
aus Tier, aus Blume, aus Gras und Baum
rief es als und ließ uns ein.

Und Tag und Traum, die Geschwister vertraut,
sie gingen Hand in Hand,
und trugen am Hals die farbige Schnur:
Glasperlen vom Märchenland.

In dunklen Ecken hockte die Nacht.
O, zaub'rische Furcht, dunkles Grau' n!
Ein Engel flog, und so hell wie Licht,
Und schützte der Kinder Vertrau'n.

Nur manchmal fielen aus Blick und Wort
Gedanken, wie Stein in die Flut.
Da klang es süß auf, da zitterte fort,
was tief, wie in Wellen geruht.

Da quoll es empor, wie Tränen schwer
Und dunkelte lang noch im Blick.
Sank wieder hinab, ihn Vergessen und Schlaf?
doch in uns begann das Geschick.

Faltertod

Das Licht verrinnt
wie goldner Sand.
Die Hirtenflöte
klagt im Land

Der Tag erlischt
im Dämmerschein.
Nachtfalte schweben
grau herein.

Der Kerze Docht
brennt feuerrot.
Auf seiner Flamme
tanzt der Tod.

Wie Blumenkelch
blüht Kerzenschein.
Nachtfalter taumeln
blind hinein.

Stiller Tag

Silbern rinnt des Wassers Kühle,
lautlos rauscht die Mittagsschwühle,
und dazwischen
flüstert Wind in den Gebüschen.

Hingelagert ruht die Herde.
Wollnes Vlies scmiegt sich zur Erde.
Über Gräsern
schwebt der Himmel hoch und gläsern.

An den Halmen paarweis hangen
Falter, die sich spielend fangen:
Bunte Waage,
schwer von Liebe, schwer vom Tage.

Abendröte kommt geflossen,
Blumenkelchhat sich geschlossen.
In der Ferne
blinken auf die ersten Sterne.
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